„Selbstständig? Dann bin ich doch mit allem allein.“ – Nein. Selbstständig heißt nicht mutterseelenallein.
Verantwortung übernehmen ist etwas anderes, als alles alleine tragen zu müssen
Vielleicht kennst du diesen Gedanken: Du findest die Idee spannend, dir etwas Eigenes aufzubauen, vielleicht sogar von zu Hause und mit mehr Freiheit, aber gleichzeitig zieht sich innerlich alles zusammen, weil du denkst: „Wenn ich selbstständig bin, dann hängt doch alles an mir. Dann muss ich alles können, alles wissen, alles entscheiden und wenn etwas schiefläuft, hab ich niemanden.“
Und ganz ehrlich, ich verstehe diesen Gedanken sehr gut, denn das Wort selbstständig klingt ja schon ein bisschen so, als müsste man ab morgen mit Werkzeugkoffer, Laptop, Steuerwissen und Glaskugel gleichzeitig durch die Welt laufen und gefälligst jede Frage selbst beantworten.
So sehe ich das aber nicht, denn für mich bedeutet selbstständig vor allem: Ich übernehme Verantwortung für meinen Weg. Das heißt aber nicht, dass ich jeden Schritt allein gehen muss, dass ich jede Erfahrung selbst machen muss oder dass ich bei jeder neuen Frage erst einmal drei Nächte wachliegen soll, weil ich denke, niemand darf merken, dass ich etwas noch nicht weiß.
Denn mal ehrlich: Wo im Leben funktioniert überhaupt alles allein? Wenn du krank bist, gehst du zum Arzt, wenn du ein technisches Problem hast, fragst du jemanden, der sich damit auskennt, und wenn die Heizung streikt, stellst du dich ja auch nicht mit einem Schraubenzieher daneben und sagst: „Ich bin schließlich selbstständig, ich mach das jetzt selber.“ 😹 Warum sollte das ausgerechnet bei einem eigenen Business anders sein?
Natürlich gibt es Entscheidungen, die dir niemand abnehmen kann. Du musst irgendwann selbst sagen, ob du etwas willst oder nicht, du entscheidest, wie viel Zeit du investieren möchtest, wie sichtbar du werden willst, welche Richtung zu dir passt und wo deine Grenzen liegen, aber das bedeutet doch nicht, dass du auf dem Weg keine Menschen an deiner Seite haben darfst, die schon ein Stück weiter sind, die dir etwas erklären, dich warnen, wenn du gerade sehenden Auges gegen dieselbe Wand läufst wie sie vor drei Jahren, oder die einfach sagen: „Komm, das schauen wir uns gemeinsam an.“
Und ich glaube, gerade Frauen, die lange funktioniert haben und für viele andere da waren, kennen dieses Muster gut, denn Hilfe annehmen fällt manchmal schwerer als Hilfe geben. Vielleicht bist du diejenige, die immer organisiert hat, die angerufen wurde, wenn etwas war, die wusste, wo die Unterlagen liegen, wer wann wohin muss, was noch eingekauft werden muss und wie man einen völlig chaotischen Tag irgendwie zusammenhält, und wenn du dann selbst einmal vor etwas Neuem stehst, kommt schnell dieser Gedanke: „Das muss ich doch alleine hinkriegen.“
Musst du nicht.
Du darfst lernen, du darfst fragen und du darfst Unterstützung annehmen, ohne dadurch weniger selbstständig zu sein, und eigentlich finde ich sogar, dass genau das ziemlich viel mit Selbstbestimmung zu tun hat, denn wenn du selbst entscheidest, welche Hilfe du annimmst und von wem, dann gibst du deine Verantwortung ja nicht ab. Du nutzt Unterstützung, ohne deinen eigenen Kopf an der Garderobe abzugeben.
Und genau da liegt für mich ein wichtiger Unterschied, denn ich möchte keine Frau neben mir, die einfach alles macht, was ich sage. Das wäre für mich keine Begleitung, sondern Abhängigkeit, und davon haben viele Frauen in ihrem Leben ohnehin schon genug erlebt. Ich möchte viel lieber, dass du fragst, ausprobierst, irgendwann widersprichst, deinen eigenen Stil findest und vielleicht sogar Dinge anders machst als ich, weil ein bestehendes System Orientierung geben kann und eine Gemeinschaft Halt geben kann, aber dein Weg trotzdem deiner bleiben muss.
Und genau deshalb mag ich diesen Gedanken so sehr: selbstständig, aber nicht allein. Nicht als hübsche Floskel, sondern als Haltung. Du darfst Verantwortung tragen, ohne alles schleppen zu müssen, du darfst Entscheidungen treffen, ohne auf dich allein gestellt zu sein, und du darfst wachsen, ohne so tun zu müssen, als könntest du schon alles.
Gerade wenn du über 50 bist und vielleicht schon lange gewohnt bist, vieles selbst zu regeln, kann das ungewohnt sein. Du startest ja nicht bei null, du bringst dein Leben mit, deine Erfahrungen, deine Stärken, aber vielleicht eben auch ein paar Stellen, an denen du sagst: „Da brauch ich jemanden, der mir das zeigt.“ Und weißt du was? Genau dafür ist Begleitung doch da. Nicht um dir zu sagen, wer du werden sollst, sondern damit du nicht jeden Stein selber umdrehen musst.
Und wenn du irgendwann an dem Punkt bist, an dem du selbst einer anderen Frau sagen kannst: „Schau, da bin ich auch mal gestolpert, ich zeig dir kurz, wie ich's gelöst hab“, dann entsteht daraus etwas, das ich viel schöner finde als irgendeine starre Hierarchie. Dann entsteht Gemeinschaft, nicht im Sinn von: alle machen dasselbe, sondern im Sinn von: Jede geht ihren Weg, aber keine muss so tun, als müsste sie ihn ganz allein schaffen.
Und vielleicht ist das sogar ein Punkt, den ich früher selbst unterschätzt habe, denn ich war oft jemand, der viel alleine geregelt hat. Wenn etwas gemacht werden musste, hab ich gemacht, wenn etwas schwierig war, hab ich geschaut, wie es geht, und natürlich hat mich das stark gemacht, aber stark sein heißt für mich heute nicht mehr, niemals Hilfe zu brauchen. Stark sein heißt auch, sagen zu können: „Da kenn ich mich nicht aus. Zeig mir das bitte.“ Oder: „Da brauch ich gerade jemanden zum Mitdenken.“ Oder auch: „Ich hab mich verrannt.“
Das ist für mich kein Versagen, sondern schlicht Lernen, und genau so möchte ich Frautark auch verstanden wissen: nicht als fertigen Weg, den du nur noch nachlaufen musst, und auch nicht als starres System, in dem jede Frau exakt dieselben Schritte macht, sondern als Möglichkeit, dir etwas Eigenes aufzubauen und dabei Menschen an deiner Seite zu haben, die dich begleiten, ohne dir deinen Kopf, deine Entscheidungen oder dein Leben abzunehmen.
Denn am Ende möchte ich nicht, dass du irgendwann sagst: „Ich hab alles genauso gemacht wie Ursel.“ Ich fänd viel schöner, wenn du sagen kannst: „Ich hab meinen Weg gefunden, ich hab unterwegs Hilfe angenommen, wenn ich sie gebraucht habe, und trotzdem ist es meiner geblieben.“
Selbstständig heißt für mich also nicht, dass ich alles alleine können muss, sondern dass ich entscheide, was ich will, Verantwortung dafür übernehme und mir trotzdem Unterstützung holen darf, wenn sie mir hilft, meinen Weg besser zu gehen. Und ehrlich gesagt finde ich dieses Bild viel menschlicher als die Vorstellung von der Einzelkämpferin, die mit Laptop unterm Arm durch den Sturm läuft und so tut, als hätte sie alles im Griff. 😹
Denn ganz egal, wie stark du bist, wie viel Lebenserfahrung du mitbringst und wie oft du schon bewiesen hast, dass du dich irgendwie durchbeißt – du musst nicht alles alleine tragen, nur damit du sagen darfst, du seist selbstständig.
Vielleicht ist genau das die Schublade, die wir heute ein Stück weiter aufmachen dürfen.
Selbstständig heißt nicht mutterseelenallein.
Es heißt für mich: Ich gehe meinen eigenen Weg – aber ich muss ihn nicht alleine gehen. ❤️
Wenn du noch ein Stück mit mir weitergehen möchtest
Wenn du wissen möchtest, warum ich diese ganzen Vorstellungen über selbstständiges Arbeiten überhaupt eine nach der anderen aus der Schublade hole, beginnt unsere Reihe hier: #
Und wenn dich statt der Frage nach dem Alleinsein eher beschäftigt, ob du für einen selbstständigen Start überhaupt selbst Geld in die Hand nehmen solltest, dann findest du hier die vorherige Schublade:


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