Wenn dein Bauch plötzlich das Gegenteil macht
Ich sitz auf der Toilette und denk mir irgendwann nur noch: „Entschuldigung, wer bist denn du jetzt?"
Denn wenn du jahrelang einen Reizdarm kennst, der sich bei Aufregung, falschem Essen oder manchmal auch einfach nur, weil offenbar Dienstag ist, eher für die schnelle Variante entscheidet, dann hast du irgendwann eine gewisse Erwartungshaltung an deinen eigenen Darm. Nicht dass ich auf Durchfall besonders scharf gewesen wäre, um Himmels willen, aber den kannte ich wenigstens. Mit dem hatte ich Erfahrung. Wir waren keine Freunde, aber sagen wir mal: langjährige Bekannte.
Und dann kam 2026 ausgerechnet Verstopfung.
Na bravo.
Ich saß da und fand das zunächst beinahe schon ein bisschen unverschämt, denn jahrzehntelang hatte ich mich mit einem Bauch herumgeschlagen, bei dem die wichtigste Frage unterwegs eher lautete: „Wo ist die nächste Toilette und wie schnell komm ich hin?", und jetzt hatte derselbe Bursche offenbar beschlossen, das komplette Programm umzudrehen.
Ganz ehrlich, auf die Idee muss man erst einmal kommen.
Früher hätte ich bei einer Veränderung wahrscheinlich ziemlich schnell angefangen zu grübeln. Was hab ich gegessen? Was hab ich anders gemacht? Fehlt mir irgendwas? War gestern irgendwas? Muss ich jetzt mehr davon essen oder weniger hiervon, brauch ich Ballaststoffe, soll ich irgendetwas ausprobieren und überhaupt, warum macht mein Körper schon wieder nicht das, was er gefälligst machen sollte?
Und natürlich kenn ich diese ganzen gut gemeinten Ratschläge. Gerade beim Darm hat ja gefühlt jeder einen.
„Iss mehr Vollkorn." Da war doch was.
„Nimm Flohsamen." Da war auch was.
Mein Bauch und die üblichen Empfehlungen haben schließlich schon öfter bewiesen, dass sie nicht unbedingt dieselbe Sprache sprechen, und ich hatte ehrlich gesagt wenig Lust, jetzt aus lauter Aktionismus wieder alles Mögliche in mich hineinzuschaufeln, nur weil mein Darm plötzlich beschlossen hatte, vom ICE zum Bummelzug zu wechseln.
Also hab ich erst einmal beobachtet. Nicht ignoriert. Das ist für mich ein Unterschied.
Ich kenn meinen Körper heute besser als früher und wenn etwas wirklich ungewöhnlich ist, länger bleibt oder mir Sorgen macht, dann gehört das angeschaut. Aber ich muss auch nicht mehr bei jeder Veränderung sofort zehn Dinge gleichzeitig ausprobieren und hinterher überhaupt nicht mehr wissen, was eigentlich was gemacht hat.
Das musste ich lernen.
Und während ich so durch meine ganz normalen Tage gegangen bin, gegessen, getrunken und meinen üblichen Kram gemacht hab, musste ich immer wieder darüber lachen, wie absurd das eigentlich ist. Da hab ich mir früher wahrscheinlich manches Mal gewünscht, mein Darm würde endlich einmal die Füße stillhalten.
Jetzt hielt er sie still. Zu still.
„So war das aber nicht gemeint." Mein Körper besitzt offenbar Humor, bloß nicht unbedingt meinen. 😄
Und genau da merke ich inzwischen einen Unterschied zu früher, der eigentlich gar nichts mit Durchfall oder Verstopfung zu tun hat.
Ich erschrecke nicht mehr sofort vor meinem eigenen Körper, ich beobachte ihn. Ich kenne seine Marotten, ich kenne vieles von dem, was bei mir funktioniert und was eben nicht funktioniert, und trotzdem schafft er es gelegentlich, mir etwas Neues hinzustellen und zu sagen: „So Ursel, und was machst jetzt damit?"
Dann schau ich halt.
Denn wahrscheinlich wird sich mein Körper auch mit 70 noch irgendetwas einfallen lassen, von dem ich heute keine Ahnung habe. Mit 80 hoffentlich auch, sonst hätten wir ganz andere Probleme.
Ich möchte nur nicht mehr mein Leben damit verbringen, jede einzelne Körperreaktion sofort als Aufgabe zu betrachten, die ich lösen muss.
Manchmal darf ich nämlich auch einfach feststellen: Heute ist etwas anders. Und dann schau ich morgen noch einmal.
Das klingt so banal, aber für eine Frau, die jahrelang ziemlich genau wissen musste, wo unterwegs die nächste Toilette ist, ist dieses ruhige Beobachten gar nicht so selbstverständlich.
Irgendwann hat sich die Sache bei mir wieder sortiert, und mein alter Bekannter hat offenbar beschlossen, dass der Ausflug ins andere Extrem fürs Erste reicht.
Ich war ihm nicht böse. Ich hab ihn allerdings auch nicht vermisst.
Und seitdem weiß ich zumindest eines ganz sicher: Wenn jemand zu mir sagt, bei Reizdarm wisse man doch ungefähr, womit man rechnen müsse, kann ich nur lachen.
Ja, mit einem Bauch.
Der Rest bleibt spannend. 😄💚
🌿 Wegweiser durchs Urselland
Wenn du gerade gedacht hast: „Ja mei, mein Bauch hat offenbar auch seinen eigenen Kopf“, dann geh gern noch ein Stück weiter durch mein Urselland. Bei Gesundheit & Alltag erzähle ich davon, wie ich gelernt habe, meinen Körper ernst zu nehmen, ohne jede Veränderung sofort zu einem neuen Problem zu machen.
Und wenn dir nach all den Bauch- und Körpergeschichten eher nach einem schwarzen Kater mit ganz eigenen Lebensregeln ist, dann komm noch kurz mit zu Krümel. Der weiß schließlich längst: Man muss nicht jede merkwürdige Entwicklung sofort persönlich nehmen. 😹


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