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„Mit über 50 bin ich dafür doch sowieso zu spät“ – Wer hat das eigentlich beschlossen?

20. Aug.
7 Min. Lesezeit

Vielleicht bist du nicht zu spät. Vielleicht weißt du heute nur endlich besser, was du willst.


Vielleicht sitzt du gerade da, liest von einem neuen Weg, findest den Gedanken sogar spannend und merkst für einen kurzen Moment dieses kleine Kribbeln im Bauch, dieses „Mei, das könnte ich mir eigentlich vorstellen“ – und kaum ist der Gedanke da, kommt schon der nächste hinterher und macht ihn wieder klein: „Ach Ursel, komm. In meinem Alter fang ich doch nicht noch einmal mit sowas an.“ 


Vielleicht bist du 52.


Vielleicht 58.


Vielleicht 63.


Oder noch ein paar Jährchen weiter, und irgendwo in deinem Kopf sitzt diese merkwürdige unsichtbare Alterskontrolle, die offenbar ganz genau weiß, wann eine Frau noch etwas Neues anfangen darf und wann sie gefälligst zufrieden mit dem sein soll, was sie bisher aus ihrem Leben gemacht hat.


Ich würde bloß zu gern wissen, wer dieser Alterskontrolle eigentlich die Schlüssel gegeben hat. 😹


Denn wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann doch wohl, dass eine Zahl auf dem Papier erstaunlich wenig darüber aussagt, was in einer Frau noch steckt.



Und ich weiß, dass das schnell nach einem dieser hübschen Kalendersprüche klingt – Alter ist nur eine Zahl, du kannst alles schaffen – aber genau das meine ich ausdrücklich nicht, denn natürlich verändert sich unser Leben mit den Jahren, unser Körper verändert sich, unsere Kraft kann sich verändern, unsere Möglichkeiten verändern sich und manchmal müssen wir Dinge heute anders machen, als wir sie mit 25 gemacht hätten.


Das ist Realität.


Nur bedeutet anders noch lange nicht vorbei.


Und genau da möchte ich mit dir einmal hinschauen, denn vielleicht hast du dir über Jahre angewöhnt, vor allem das zu sehen, was nicht mehr so geht wie früher, und dabei völlig übersehen, was heute da ist, was damals noch gar nicht da sein konnte.


Deine Erfahrung zum Beispiel.


Deine Menschenkenntnis.


Die Fähigkeit, inzwischen ziemlich schnell zu merken, wenn dir jemand Schmarrn erzählt. 😹



Vielleicht auch diese wunderbare Gelassenheit, bei manchen Dingen einfach zu sagen: „Nee. Den Zirkus brauch ich nimmer.“ 


Mit 20 oder 30 haben viele von uns versucht, irgendwo hineinzupassen, Erwartungen zu erfüllen, vernünftig zu sein, einen Beruf zu machen, Geld zu verdienen, Familie zu versorgen, Rechnungen zu bezahlen und irgendwie durch diesen ganzen Alltag zu kommen, und manchmal waren wir so beschäftigt damit, unser Leben zu bewältigen, dass kaum Zeit blieb für die Frage: Was möchte eigentlich ich? 



Vielleicht war dein Weg ganz anders als meiner.


Aber ich kenne dieses Leben, in dem man morgens aufsteht und funktioniert.


Ich kenne Berufsleben. Ich kenne Verantwortung. Ich kenne Jahre, in denen nicht jeden Morgen die große Selbstverwirklichung neben dem Kaffee saß, sondern schlicht die Frage, was heute gemacht werden muss.


Und irgendwann stehst du da, ein paar Jahrzehnte später, schaust zurück und merkst plötzlich: Mei. Ich hab ganz schön viel geschafft. 


Nur seltsamerweise rechnen wir Frauen uns genau das oft nicht als Qualifikation an.


Wir schauen auf etwas Neues und sehen zuerst, was wir noch nicht können.


Technik vielleicht.


Social Media.


Sichtbarkeit.


Ein eigenes kleines Business.


Irgendein Programm, bei dem du beim ersten Öffnen das Gefühl hast, der Bildschirm spricht eine Sprache, die in deinem Schulunterricht definitiv nicht angeboten wurde. 😹


Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Wir vergleichen unseren ersten Tag mit dem hundertsten Tag eines anderen Menschen und kommen zu dem Schluss, dass wir dafür offenbar nicht gemacht sind.


Dabei konnte die andere Frau das am Anfang wahrscheinlich genauso wenig.


Sie hat es gelernt.


Und genau das dürfen wir auch.



Ich lerne heute noch ständig Dinge, und manchmal möchte ich meinen Computer dabei liebevoll aus dem Fenster werfen, manchmal brauche ich für etwas länger, als ich gern zugeben würde, und manchmal erkläre ich einem technischen Gerät sehr ausführlich meine Meinung, obwohl es sich davon erstaunlich wenig beeindruckt zeigt. 😹


Aber irgendwann kann ich etwas, das ich vorher nicht konnte.


Nicht weil ich plötzlich wieder 25 geworden bin.


Sondern weil mein Gehirn mit über 50, über 60 und vermutlich auch darüber hinaus nicht beschlossen hat, den Betrieb einzustellen.


Und vielleicht liegt genau dort eines der größten Missverständnisse über einen neuen selbstständigen Weg: Wir glauben, wir müssten schon alles mitbringen, bevor wir überhaupt anfangen dürfen.


Musst du nicht.


Du musst nicht wissen, wie alles funktioniert.


Du musst nicht schon eine Unternehmerin sein.


Du musst nicht perfekt mit Technik umgehen können, du musst nicht plötzlich vor einer Kamera herumhüpfen, wenn dir schon beim Gedanken daran die Knie weich werden, und du musst auch nicht irgendeine Rolle spielen, die überhaupt nicht zu dir passt.


Aber du solltest bereit sein, zu lernen.


Und das ist etwas völlig anderes.



Vielleicht sogar etwas, das wir mit zunehmendem Alter unterschätzen, denn du hast in deinem Leben wahrscheinlich schon so viele Dinge gelernt, von denen du irgendwann einmal keine Ahnung hattest.


Du hast Berufe gelernt.


Du hast vielleicht Kinder großgezogen, obwohl dir bei der Geburt niemand eine vernünftige Bedienungsanleitung mitgegeben hat.


Du hast dich durch Behördenbriefe gekämpft, neue Handys verstanden, Krisen überstanden, Menschen verloren, Veränderungen ausgehalten, dich auf neue Situationen eingestellt und wahrscheinlich mindestens einmal irgendein Gerät gekauft, bei dem die Bedienungsanleitung offensichtlich von jemandem geschrieben wurde, der Menschen hasst. 😹


Und jetzt möchtest du mir erzählen, du könntest nichts Neues mehr lernen?


Das kauf ich dir nicht ganz ab.


Was ich dir allerdings sofort glaube, ist etwas anderes.


Vielleicht hast du Angst davor, wieder Anfängerin zu sein.


Das ist nämlich etwas ganz anderes als „zu alt“.



Wenn du jahrzehntelang wusstest, wie dein Leben funktioniert, wenn du in deinem Beruf Erfahrung hattest, wenn andere dich vielleicht sogar um Rat gefragt haben und du dich in deinem Alltag ziemlich gut zurechtgefunden hast, dann kann es verdammt ungewohnt sein, plötzlich wieder vor etwas zu sitzen und zu sagen: „Keine Ahnung. Zeig mir das bitte noch einmal.“ 


Vielleicht liegt genau dort manchmal der eigentliche Haken.


Nicht beim Alter.


Sondern bei unserem Stolz.


Bei unserer Unsicherheit.


Bei dieser kleinen Stimme, die flüstert: „Was, wenn die anderen merken, dass ich das nicht kann?“ 


Mei, dann merken sie es halt. 😹


Ich kann heute Dinge nicht.


Du kannst Dinge nicht.


Jede Frau, die irgendwo richtig gut geworden ist, konnte genau diese Sache irgendwann einmal nicht.


Der Unterschied ist bloß, dass sie irgendwann angefangen hat.


Und trotzdem möchte ich dir auch hier kein Märchen erzählen.


Nicht jede Frau über 50 braucht ein Business.


Nicht jede möchte eines.


Und nicht jede Lebenssituation ist gerade der richtige Zeitpunkt dafür.


Vielleicht bist du vollkommen zufrieden mit deinem Leben, vielleicht möchtest du deine freie Zeit endlich genießen, vielleicht hast du gerade genug andere Baustellen oder vielleicht liest du meine Geschichten und denkst: „Ursel, nett, aber das ist einfach nicht meins.“ 


Dann ist das eine völlig vernünftige Entscheidung.


Frautark bedeutet für mich nicht: Jede Frau muss jetzt noch einmal Unternehmerin werden. 


Frautark bedeutet für mich viel eher: Keine Frau sollte eine Möglichkeit nur deshalb weglegen, weil irgendwo in ihrem Kopf eine Zahl steht. 


Schau sie dir an.


Prüf sie.


Frag dich, ob sie zu deinem Leben passt.


Frag dich, was sie dir geben könnte und was sie von dir verlangen würde, und dann entscheide selbst, ob du sagst: „Ja, das möchte ich ausprobieren“ oder „Nein, genau das brauche ich nicht.“ 



Aber wenn dein einziges Gegenargument lautet: „Dafür bin ich zu alt“, dann würde ich gern noch einmal mit dir darüber reden.


Denn vielleicht bist du gar nicht zu alt.


Vielleicht bist du heute sogar an einem Punkt, an dem du etwas mitbringst, das man mit keinem Kurs und keinem Zertifikat der Welt ersetzen kann: gelebtes Leben. 


Du weißt, wie es sich anfühlt, wenn etwas nicht nach Plan läuft.


Du weißt, dass Menschen nicht immer halten, was sie versprechen.


Du weißt wahrscheinlich inzwischen, dass ein Nein nicht das Ende der Welt ist, dass Fehler meistens überlebbar sind und dass man nach einem beschissenen Dienstag am Mittwoch trotzdem wieder Kaffee kochen kann.


Das ist doch nicht nichts.


Das ist Erfahrung.


Und vielleicht ist genau diese Erfahrung irgendwann sogar das, weshalb eine andere Frau dir zuhört, denn sie sucht womöglich gar keine 27-Jährige, die ihr erzählt, wie einfach alles ist.


Vielleicht sucht sie eine Frau, die schon ein bisschen Leben im Gesicht trägt und sagen kann: „Ich weiß, dass nicht alles einfach ist. Aber wir können trotzdem schauen, was noch möglich ist.“ 



Genau diese Frauen möchte ich bei Frautark sehen.


Keine glattgebügelten Kopien.


Keine Frauen, die so tun müssen, als hätten sie ihr ganzes Leben perfekt im Griff.


Sondern Frauen mit Geschichten, Umwegen, Macken, Fähigkeiten, Zweifeln und dieser ganz eigenen Stärke, die manchmal so selbstverständlich geworden ist, dass sie selbst sie gar nicht mehr sehen.


Vielleicht musst du also gar nicht noch einmal jung sein, um etwas Neues anzufangen.


Vielleicht musst du nur aufhören zu glauben, dass neu automatisch jung bedeutet. 


Denn wenn ich heute zurückblicke, dann möchte ich vieles von dem, was ich mit 25 hatte, gar nicht zurück.


Meine Unsicherheit zum Beispiel darf gern bleiben, wo sie ist. 😹


Heute kenne ich mich besser.


Ich weiß eher, was ich möchte.


Und noch wichtiger: Ich weiß inzwischen auch ziemlich gut, was ich nicht mehr möchte. 


Das ist keine schlechte Grundlage für einen neuen Weg.


Vielleicht sogar eine verdammt gute.


Und deshalb würde ich die Frage gern einmal umdrehen.


Nicht:

„Bin ich mit über 50 nicht schon zu spät?“ 


Sondern:

„Was wäre, wenn ich heute zum ersten Mal alt genug bin, meinen Weg wirklich nach meinen eigenen Maßstäben zu wählen?“ 


Mei.


Vielleicht sitzt da hinter dieser Schublade ja gar nicht das Ende.


Vielleicht sitzt da eine Frau und wartet schon eine ganze Weile darauf, dass du sie endlich wieder ernst nimmst. ❤️



Wenn du noch ein Stück mit mir weitergehen möchtest

Wenn du wissen möchtest, warum ich diese alten Vorstellungen über neue selbstständige Wege überhaupt eine nach der anderen aus der Schublade hole, beginnt unsere ganze Reihe hier:



Und wenn du weniger über dein Alter grübelst und eher denkst, Arbeiten von zu Hause bedeute ein bissl Handy, Sofa und nebenbei Geld verdienen, dann wartet die vorherige Schublade hier auf dich:




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