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„Dafür brauche ich doch tausende Follower“ – Oder vielleicht einfach die richtigen Menschen?

20. Aug.
8 Min. Lesezeit

Wenn du bei „online etwas aufbauen“ sofort an Influencerinnen, Ringlicht und 30.000 Follower denkst


Vielleicht kennst du diesen Moment: Du liest irgendwo, dass eine Frau sich von zu Hause etwas Eigenes aufgebaut hat, dass sie dafür auch Facebook oder andere Möglichkeiten im Internet nutzt, und für einen winzigen Augenblick denkst du: „Mei, interessant wär das ja schon.“ Und dann schaust du auf dein eigenes Profil, auf dem gestern Krümel zu sehen war, vorgestern die ersten Blüten im Garten und irgendwo dazwischen noch ein Beitrag, über den sich deine Freundin gefreut hat, und schon kommt dieser nächste Gedanke hinterher: „Ja Ursel, aber dafür bräuchte ich doch erst einmal tausende Follower. Mich kennt doch kein Mensch.“ #



Und ich kann diesen Gedanken sogar verstehen, denn wenn wir heute durch die sozialen Medien scrollen, begegnen uns nun einmal häufig diejenigen, die schon groß sind. Wir sehen die Frau mit 30.000 Followern, das Video mit 100.000 Aufrufen und den Beitrag mit hunderten Kommentaren, aber wir sehen normalerweise nicht den Dienstagabend drei Jahre vorher, an dem dieselbe Frau ihren ersten Beitrag geschrieben hat und vielleicht zwölf Menschen ihn gelesen haben, von denen drei mit ihr verwandt waren. 😹 Wir sehen das Ergebnis und vergleichen es mit unserem Anfang – und mei, da kann man eigentlich nur verlieren.



Vielleicht kommt bei dir noch etwas anderes dazu, denn möglicherweise möchtest du überhaupt keine Influencerin werden. Du möchtest nicht jeden Morgen dein Frühstück fotografieren, du möchtest dein Wohnzimmer nicht danach einrichten, ob es im Hintergrund eines Videos hübsch aussieht, und wenn dir jemand erzählt, du müsstest ab morgen dreimal täglich mit einem Ringlicht vor dem Gesicht irgendwelche Tänzchen aufführen, dann würdest du vermutlich schneller verschwinden, als ich „Algorithmus“ sagen kann. Und ganz ehrlich: Ich auch. 😹



Genau deshalb möchte ich diese Schublade einmal ein bisschen genauer anschauen, denn online sichtbar sein und Influencerin sein sind zwei völlig verschiedene Dinge, auch wenn es manchmal so aussieht, als müsste jede Frau, die sich im Internet etwas aufbauen möchte, zuerst eine kleine Berühmtheit werden. Für mich geht es nicht darum, dass möglichst viele Menschen irgendwann meinen Namen kennen, sondern darum, dass die Menschen, für die meine Themen wirklich Bedeutung haben, überhaupt die Chance bekommen, mich zu finden und ein Gefühl dafür zu bekommen, wer ich bin.



Stell dir einmal vor, du sitzt bei dir am Küchentisch, der Kaffee dampft noch, zumindest solange Krümel nicht beschließt, dass genau jetzt eine kleine Katastrophe organisiert werden muss, und dir gegenüber sitzen drei Frauen, mit denen du wirklich gern redest. Eine erzählt etwas, die andere hört zu, irgendwann sagt eine: „Mei, genau so geht's mir auch“, und plötzlich entsteht dieses Gespräch, bei dem du irgendwann auf die Uhr schaust und dich wunderst, wo die letzten zwei Stunden geblieben sind. Kein Mensch würde hinterher sagen: „War aber kein besonders erfolgreiches Gespräch, es waren schließlich nur vier Frauen da.“



Warum beurteilen wir Begegnungen im Internet plötzlich anders?


Vielleicht weil dort überall Zahlen stehen. Du kannst sehen, wie viele Menschen folgen, wie viele ein Herz dagelassen haben, wie oft etwas angesehen wurde, und ehe du dich versiehst, fängst du an, deinen eigenen Wert mit diesen Zahlen zu verrechnen. 27 Likes – offenbar nicht interessant genug. 300 Follower – offenbar zu wenig. Ein Beitrag läuft schlechter als der vorherige – mei, vielleicht kann ich das einfach nicht. Und schon sitzt du nicht mehr da und fragst dich, ob du die Frau erreicht hast, für die dein Gedanke wichtig war, sondern ob irgendeine Zahl groß genug geworden ist.



Natürlich werde ich dir jetzt nicht erzählen, Reichweite wäre völlig unwichtig, denn das wäre genauso Schmarrn. Wenn ich etwas aufbauen möchte und niemand weiß, dass es mich gibt, wird es schwierig, und wenn ich einen Blog schreibe, eine Business-Seite habe oder über meine Erfahrungen erzähle, dann möchte ich selbstverständlich, dass Menschen das sehen. Ich möchte gefunden werden, und ich darf auch lernen, wie das besser funktioniert. Aber zwischen „Ich möchte gefunden werden“ und „Ich brauche erst tausende Follower, bevor mein Business überhaupt eine Chance hat“ liegt für mich ein gewaltiger Unterschied.



Denn was helfen dir 20.000 Menschen, die einmal kurz über deinen Beitrag wischen und fünf Sekunden später nicht mehr wissen, wer du warst, wenn du gleichzeitig glaubst, die 200 Menschen, die dir wirklich zuhören, wären nichts wert? Vielleicht ist unter diesen 200 genau die Frau, die seit Wochen mitliest, weil sie sich in deinen Gedanken wiederfindet, vielleicht kommentiert sie nie und setzt nicht einmal ein Herzchen, und irgendwann schreibt sie dir trotzdem eine Nachricht und du stellst fest: Die hat verdammt gut zugehört. 



Das habe ich selbst inzwischen gelernt: Nicht jeder Mensch, den du erreichst, macht vorher laut auf sich aufmerksam. Da sitzen stille Leserinnen, Frauen, die erst einmal schauen, beobachten, wiederkommen und sich langsam ein Bild machen, und ich finde das sogar ziemlich verständlich, denn ich mache es selbst nicht anders. Wenn mich etwas interessiert, renne ich ja auch nicht sofort mit wehenden Fahnen los und erkläre einem fremden Menschen nach drei Minuten mein Leben, sondern ich schaue erst einmal: Wie redet die? Wie geht die mit Menschen um? Passt das, was sie heute sagt, auch noch zu dem, was sie nächste Woche erzählt? Kann ich ihr überhaupt vertrauen? 



Und genau da wird es für mich spannend, denn so etwas entsteht nicht automatisch durch eine große Zahl neben deinem Namen. Vertrauen wächst dadurch, dass Menschen dich wiedererkennen, dass sie mit der Zeit verstehen, wofür du stehst, dass deine Geschichten nicht heute Hü und morgen Hott erzählen und dass sie merken: Da sitzt tatsächlich ein Mensch und keine Hochglanzfigur, die morgens erst einmal ihre Internetrolle anzieht. 



Vielleicht hast du sogar Angst davor, dass du für so ein Online-Business plötzlich jemand anderes werden müsstest, und ich glaube, gerade Frauen über 50 haben darauf oft überhaupt keine Lust mehr. Wir haben uns lange genug irgendwo angepasst, funktioniert, Erwartungen erfüllt und manchmal auch Dinge gemacht, weil man sie eben so macht. Wenn ich mir heute noch einmal etwas Eigenes aufbaue, dann möchte ich doch nicht ausgerechnet dort wieder anfangen, mich in die nächste Schablone zu pressen.



Wenn du gern schreibst, dann darf Schreiben dein Weg sein. Wenn du lieber redest und im persönlichen Gespräch plötzlich aufblühst, während du vor einer Kamera aussiehst, als hätte man dich gerade beim Banküberfall erwischt, dann müssen wir daraus keine Videokarriere erzwingen. 😹 Vielleicht entdeckst du irgendwann trotzdem Spaß daran, vielleicht auch nicht, und vielleicht findest du eine ganz andere Art, Menschen zu erreichen, die viel besser zu dir passt. Das Entscheidende ist doch nicht, ob du dieselben Dinge machst wie irgendeine erfolgreiche Frau im Internet, sondern ob Menschen bei dem, was du machst, dich erkennen können.



Und das ist übrigens etwas, bei dem ich Frauen mit Lebenserfahrung unglaublich spannend finde, denn du kommst ja nicht mit einem leeren Koffer. Du hast Jahrzehnte gelebt, gearbeitet, Menschen kennengelernt, bist irgendwo falsch abgebogen, hast dich wieder zusammengesammelt, hast gelacht, geflucht, vielleicht Kinder großgezogen, Angehörige begleitet, Berufe gelernt, Freundschaften verloren und neue gefunden, und wahrscheinlich könntest du allein über die Dinge, die in deinem Leben anders gekommen sind als geplant, mehrere Abende erzählen. Nur weil du daraus bisher keinen Content gemacht hast, heißt das doch nicht, dass du nichts zu erzählen hast.



Vielleicht ist sogar genau das dein größter Schatz.



Nicht irgendein perfektes Wissen darüber, was gerade auf Social Media angesagt ist, sondern deine Fähigkeit, einer anderen Frau das Gefühl zu geben: „Mei, die kennt das wirklich.“ Vielleicht liest sie deine Geschichte über einen beschissenen Arbeitstag und erkennt ihren eigenen darin, vielleicht lacht sie über deine Katze und bleibt deshalb überhaupt erst bei dir hängen, vielleicht stößt sie über einen Blogartikel auf dich und merkt nach drei weiteren Texten, dass sie deine Art zu denken mag. Das ist keine anonyme Reichweite mehr. Das ist Verbindung.



Und natürlich kann daraus irgendwann mehr werden. Deine Reichweite darf wachsen, du darfst lernen, wie du deine Beiträge besser verteilst, welche Plattform zu dir passt und wie Menschen leichter finden, was du anbietest, und ich wäre die Letzte, die sagt: „Ach, Zahlen interessieren uns überhaupt nicht.“ Wir bauen schließlich ein Business und keinen geheimen Brieffreundinnenzirkel. 😹 Aber die Zahlen sollen mir helfen zu verstehen, ob ich Menschen erreiche – sie sollen mir nicht erzählen, ob ich überhaupt anfangen darf.



Vielleicht hast du heute 150 Menschen, die dir folgen. Dann fängst du mit 150 an. Vielleicht sind es 500, vielleicht 50, und vielleicht stellst du nach einer Weile fest, dass langsam mehr dazukommen, weil eine Frau deinen Beitrag weitergibt, eine andere über deinen Blog stolpert und die nächste wegen eines Katzenthemas bei dir hängenbleibt und erst Wochen später merkt, dass du noch über ganz andere Dinge sprichst. So darf etwas wachsen. Nicht unbedingt mit einem großen Knall, sondern manchmal wie eine Pflanze, bei der du wochenlang glaubst, es passiert überhaupt nichts, bis du eines Morgens hinschaust und plötzlich ist da ein neuer Trieb.



Und vielleicht gefällt mir dieses Bild sogar besser als das mit den 30.000 Followern, denn ich möchte mit Frautark ohnehin nicht möglichst viele Menschen einsammeln und anschließend schauen, was ich mit ihnen mache. Ich möchte, dass eine Frau schon beim Lesen meiner Gedanken ein Stück weit spürt, ob sie mit meiner Art überhaupt etwas anfangen kann, und wenn sie irgendwann mit mir spricht, soll sie nicht bei null anfangen und fragen: „Wer bist du eigentlich?“, sondern vielleicht schon sagen: „Ursel, ich lese dich jetzt eine Weile und bei diesem einen Satz hab ich gedacht, jetzt muss ich dir schreiben.“ 



Das sind die Gespräche, die ich möchte.


Nicht möglichst viele. Sondern die, bei denen auf beiden Seiten schon ein bisschen echtes Interesse da ist, und wenn daraus irgendwann eine Kundin, eine Frau auf einem eigenen selbstständigen Weg oder einfach eine treue Leserin wird, dann ist das doch viel wertvoller als eine Zahl, die schön aussieht und mir ansonsten nichts erzählt.



Vielleicht musst du also gar nicht warten, bis du „groß genug“ bist. Vielleicht ist das wieder nur eine dieser Schubladen, in die wir uns selbst hineinsetzen, bevor wir überhaupt ausprobiert haben, was möglich wäre. Du musst nicht erst tausende Menschen erreichen, du musst nicht zur Influencerin werden und du musst auch nicht so tun, als wäre dein ganz normales Leben plötzlich eine Dauerwerbesendung.


Du darfst klein anfangen.


Du darfst lernen.


Du darfst wachsen, während du gehst, und dabei immer wieder schauen, was zu dir passt und was du unterwegs auch wieder fallen lassen möchtest. Denn nur weil etwas bei einer anderen Frau funktioniert, muss es noch lange nicht dein Weg sein.


Die Natur ist auch nie fertig. Warum solltest du es sein? 



Vielleicht steht da heute erst ein kleiner Trieb. Vielleicht werden daraus irgendwann Äste und irgendwann sitzt Krümel drunter und tut so, als hätte er den ganzen Baum persönlich gepflanzt. 😹 Aber anfangen darfst du lange vorher.



Und wenn du mich heute fragst: „Ursel, wie viele Follower brauche ich denn, bevor ich mir online etwas aufbauen kann?“, dann würde ich dir wahrscheinlich zuerst eine Gegenfrage stellen:


Wie viele brauchst du, damit unter ihnen der erste richtige Mensch sein kann? 


Einen.


Und dann schauen wir weiter. ❤️



Wenn du noch ein Stück mit mir weitergehen möchtest

Wenn du wissen möchtest, warum ich diese ganzen Vorstellungen über selbstständiges Arbeiten überhaupt eine nach der anderen aus der Schublade hole, beginnt unsere Reihe hier:



Und wenn dein Gedanke gar nicht bei Followern sitzt, sondern eher bei diesem leisen „Mei, mit über 50 bin ich dafür doch sowieso zu spät“, dann wartet hier die vorherige Schublade auf dich:



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