„Da verdient doch nur der über mir“ – Aber wofür wird eigentlich bezahlt?
Manchmal lohnt es sich, einen Satz nicht sofort zu beantworten, sondern ihn erst einmal umzudrehen
„Ja klar, Ursel. Und am Ende verdient doch sowieso nur der über dir.“
Kennst du diesen Satz? Vielleicht hast du ihn selbst schon gedacht, vielleicht hat ihn jemand gesagt, als du erzählt hast, dass du dir einen selbstständigen Weg aufbauen möchtest, oder du bist irgendwann über eine Diskussion im Internet gestolpert, bei der spätestens nach drei Kommentaren feststand: Oben sitzen ein paar Leute gemütlich mit Kaffee und Kuchen und unten rennen alle anderen und verdienen für sie das Geld. 😹
Und weißt du was?
Ich finde die Frage dahinter gar nicht blöd.
Wenn ich mich an einem Geschäftsmodell beteilige, dann will ich wissen, wie Geld verdient wird, wofür jemand bezahlt wird, welche Leistung dahintersteht und ob ich überhaupt nachvollziehen kann, wohin das Geld fließt, denn nur weil irgendwo „selbstständig“ draufsteht, gebe ich meinen gesunden Menschenverstand ja nicht an der Garderobe ab.
Im Gegenteil.
Gerade wenn es um mein Geld, meine Zeit und vielleicht sogar um etwas geht, das ich mir über Jahre aufbauen möchte, darf ich ziemlich neugierig werden.
Mich stört nur etwas anderes an diesem Satz.
Wir stellen diese Frage nämlich erstaunlicherweise nicht überall.
Wenn du morgens im Supermarkt deine Milch, dein Katzenfutter und die Schokolade kaufst, die selbstverständlich nur für Besuch gedacht ist und aus unerklärlichen Gründen trotzdem am Dienstagabend verschwunden sein wird, dann stehen hinter diesen Dingen ganze Strukturen.
Da gibt es Hersteller, Handel, Logistik, Vertrieb, vielleicht Zwischenstufen, Mitarbeiter, Führungskräfte und Menschen, die für unterschiedliche Aufgaben unterschiedlich bezahlt werden, und normalerweise stehst du an der Kasse nicht da und fragst: „Entschuldigung, wer verdient jetzt eigentlich alles an meinem Katzenfutter?“ 😹
Du kaufst es, weil du es möchtest oder brauchst, und im Preis steckt mehr als nur das Stück Ware, das du gerade in der Hand hältst.
Auch in einem normalen Unternehmen finden wir es völlig selbstverständlich, dass nicht jeder Mensch dasselbe verdient und dass Verantwortung, Tätigkeit, Position, Erfahrung oder Ergebnis einen Unterschied machen können.
Eine Mitarbeiterin verdient Geld.
Die Abteilungsleitung verdient Geld.
Die Geschäftsführung verdient Geld.
Und der Eigentümer möchte vermutlich auch nicht ausschließlich aus Nächstenliebe jeden Morgen die Firma aufsperren.
Das allein macht ein Unternehmen noch nicht unseriös.
Warum also springt bei bestimmten selbstständigen Gemeinschaftsmodellen sofort die Warnlampe an, sobald jemand sagt: „Da verdient noch jemand mit“?
Vielleicht, weil wir wieder versuchen, etwas Neues mit einer alten Schublade zu verstehen.
Vielleicht aber auch, weil es tatsächlich Modelle und Erfahrungen gegeben hat, bei denen Menschen das Gefühl hatten, dass sie selbst viel tun und andere vor allem deshalb profitieren, weil sie irgendwann früher eingestiegen sind.
Und genau das darf man meiner Meinung nach ansprechen.
Ich möchte dir nämlich nicht erzählen, dass jede Struktur automatisch fair ist, nur weil Menschen selbstständig darin arbeiten.
Natürlich gibt es gute Systeme und schlechte.
Es gibt transparente und solche, bei denen ich nach fünf Erklärungen immer noch nicht weiß, wo eigentlich das Geld herkommt.
Und wenn mir jemand nicht vernünftig erklären kann, wodurch Einkommen entsteht, dann wäre für mich persönlich genau dort der Moment gekommen, an dem ich genauer hinschaue statt schneller zu unterschreiben.
Für mich ist deshalb die spannendere Frage nicht: „Verdient jemand über mir mit?“
Sondern: „Wofür verdient dieser Mensch?“
Hat er etwas aufgebaut?
Begleitet er Menschen?
Übernimmt er Verantwortung?
Hat er Strukturen geschaffen, von denen andere profitieren?
Entsteht sein Einkommen dadurch, dass tatsächlich etwas genutzt, gekauft, empfohlen oder aufgebaut wird – oder hauptsächlich dadurch, dass immer neue Menschen Geld hineinbringen?
Denn DAS ist für mich ein gewaltiger Unterschied.
Und genauso wichtig finde ich die nächste Frage: Kann ich selbst etwas aufbauen?
Bin ich dauerhaft irgendwo unten festgetackert, ganz egal, was ich tue, oder hängt meine eigene Entwicklung auch davon ab, was ich lerne, was ich aufbaue und welche Verantwortung ich irgendwann übernehme?
Denn dieses Bild von „oben“ und „unten“ klingt immer so schön einfach.
Oben gut verdienen.
Unten schuften.
Nur ist ein selbstständiger Aufbau für mich keine Leiter, auf der jeder Mensch für alle Ewigkeit auf derselben Sprosse festgeschraubt wird.
Wenn eine Frau heute anfängt und über Jahre etwas aufbaut, Erfahrungen sammelt, andere begleitet und vielleicht irgendwann eine Gemeinschaft mitträgt, dann ist sie nach diesen Jahren nicht mehr an demselben Punkt wie an ihrem ersten Dienstagabend mit Kaffee, Notizblock und der Frage: „Mei, wie geht denn das jetzt alles?“ 😹
Und ich finde es auch nicht verwerflich, wenn Erfahrung, Aufbau und Verantwortung irgendwann wirtschaftlich einen Unterschied machen.
Im Gegenteil.
Was ich schwierig fände, wäre ein System, in dem du dich abstrampeln kannst wie du willst und trotzdem niemals eine echte Möglichkeit hast, selbst etwas aufzubauen, weil dein Platz schon bei deinem Einstieg festgelegt wurde.
Das wäre nichts für mich.
Und vielleicht merkst du schon, worauf ich hinauswill.
Ich möchte diesen alten Satz weder lächerlich machen noch mit einem schnellen „Das stimmt nicht“ vom Tisch wischen, denn hinter ihm steckt etwas Wichtiges: Wir wollen verstehen, ob etwas fair ist.
Das finde ich gut.
Ich möchte nur, dass wir dann auch die richtigen Fragen stellen.
Nicht nur: Wer verdient mit?
Sondern: Warum?
Nicht nur: Gibt es eine Struktur?
Sondern: Wie funktioniert sie?
Nicht nur: Steht jemand über mir?
Sondern: Kann ich meinen eigenen Weg darin aufbauen, oder bin ich lediglich dazu da, das Einkommen eines anderen zu finanzieren?
Und noch etwas gehört für mich unbedingt dazu, gerade weil wir über Selbstständigkeit reden: Ich kann dir nicht versprechen, was du verdienen wirst.
Ich kann dir zeigen, wie ein System funktioniert, ich kann meine Erfahrungen mit dir teilen, dich begleiten, mit dir schauen, welche Art zu arbeiten zu dir passt und dir vielleicht den einen oder anderen Umweg ersparen, den ich selbst schon genommen habe.
Aber ich kann dir keine Summe auf einen Zettel schreiben und sagen: „Wenn du das machst, hast du in sechs Monaten genau so viel.“
Denn dein Business bleibt dein Business.
Und damit eben auch dein Aufbau, deine Entscheidungen, dein Tempo und dein Ergebnis.
Vielleicht ist genau das am Anfang sogar ungewohnt, weil wir aus einer Anstellung etwas anderes kennen.
Dort wissen wir ziemlich genau, was unsere Arbeitsstunde wert ist.
Wir tauschen Zeit gegen ein vereinbartes Einkommen und können meistens recht gut ausrechnen, was am Monatsende herauskommt.
Bei etwas Eigenem baust du dagegen möglicherweise heute etwas auf, das nicht nur heute Bedeutung hat.
Ein Kontakt.
Eine Empfehlung.
Eine Kundin, die gern wiederkommt.
Eine Frau, die irgendwann selbst ihren Weg beginnt.
Eine Erfahrung, die du später weitergeben kannst.
Und dadurch verändert sich auch die Frage nach dem Verdienst.
Nicht mehr nur: „Was bekomme ich für diese eine Stunde?“
Sondern irgendwann auch: „Was baue ich mit dieser Stunde auf?“
Das ist keine Garantie auf Erfolg.
Aber es ist ein anderes Denken.
Und genau deshalb möchte ich mit Frautark nicht die Frau suchen, die möglichst schnell irgendwo unterschreibt, sondern die Frau, die hinschaut, nachfragt und auch einmal sagt: „Ursel, erklär mir das noch einmal, das hab ich noch nicht verstanden.“
Mei, frag.
Frag unbequem.
Frag zweimal.
Und wenn du nach der dritten Erklärung immer noch denkst, dass etwas für dich keinen Sinn ergibt, dann sollst du nicht aus Höflichkeit nicken.
Denn Selbstbestimmung bedeutet für mich nicht nur, dass du deine Arbeitszeit selbst einteilen darfst.
Selbstbestimmung bedeutet auch, dass du verstehst, wofür du dich entscheidest.
Vielleicht lautet die spannendere Frage also gar nicht:
„Verdient da jemand über mir?“
Sondern:
„Verstehe ich, warum jemand verdient – und habe ich selbst eine faire Möglichkeit, mir etwas aufzubauen?“
Und wenn mir darauf niemand eine vernünftige Antwort geben kann, dann würde ich meine Handtasche nehmen und gehen.
Krümel vermutlich auch.
Wobei der vorher wahrscheinlich noch schauen würde, ob irgendwo Gutti herumliegen. 😹
Wenn du noch ein Stück mit mir weitergehen möchtest
Wenn du dich gerade fragst, warum ich überhaupt angefangen habe, diese alten Vorstellungen über selbstständiges Arbeiten einzeln aus der Schublade zu holen, beginnt die ganze Reihe hier:
Und wenn dein größeres Bauchgrummeln gar nicht beim Geld sitzt, sondern bei der Vorstellung, plötzlich Freunde, Familie und alte Bekannte abklappern zu müssen, dann passt die vorherige Schublade wahrscheinlich besser:


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