Der schönste Grund, warum ich das Katzenstreu vergessen habe
Wenn bei uns Einkaufstag ist, dann läuft das inzwischen fast immer gleich ab, wobei „gleich“ eigentlich das falsche Wort ist, weil es jedes Mal wieder ein bissel anders wird, aber eines bleibt: Mein alter Panda röhrt erst einmal gemütlich los, als müsste er sich überlegen, ob er heute wirklich schon arbeiten möchte, und manchmal klopf ich fast liebevoll aufs Lenkrad und denk mir: „Komm, Bursche, noch ein paar Wochen, dann darfst du deinen wohlverdienten Ruhestand antreten.“ Im Dezember kommt ja der Neue, der wird wahrscheinlich eher schnurren, während der Alte noch ganz ordentlich röhrt, und irgendwie würde mir sogar das fehlen.
Während ich noch mit meinem Auto rede – ja, ich geb's zu, das mach ich tatsächlich manchmal –, sind natürlich auch unsere Einkaufstaschen und vor allem die Isoliertaschen dabei, denn bloß mit einem Stoffbeutel brauch ich gar nicht anfangen, dafür kennen wir uns zu gut und wir fahren schließlich nicht los, um eine Tafel Schokolade zu kaufen. Irgendwo liegt bestimmt auch noch eine Reservetasche im Kofferraum, und natürlich müssen die Pfandflaschen mit, denn wenn die daheim stehen bleiben, merk ich das garantiert erst dann, wenn wir beim Aldi angekommen sind und vorm Automaten stehen.
Kaum rollen wir auf den Parkplatz, weiß eigentlich jeder von uns schon, was er zu tun hat, denn mein Schatz ist ja Gott sei Dank meistens mit dabei, Roland schnappt sich den Einkaufswagen, wir nehmen das Pfandzeug mit hinein und unser Einkauf beginnt nicht bei den Äpfeln und auch nicht beim Brot, sondern ganz unspektakulär am Pfandautomaten, mit dem ich inzwischen fast schon so etwas wie ein kleines Begrüßungsritual habe.
Mal nimmt er jede Flasche, als hätte er heute richtig gute Laune, und manchmal schaut er sich ausgerechnet die eine an, die daheim noch völlig normal ausgeschaut hat, und spuckt sie mir mit einer Hartnäckigkeit wieder entgegen, dass ich schon anfange, mit ihm zu reden. „Jetzt stell dich nicht so an“, murmel ich dann, dreh die Flasche noch einmal herum und schieb sie wieder hinein, denn manchmal gewinnt der Automat, manchmal gewinne ich, und bis jetzt haben wir uns eigentlich immer irgendwie geeinigt.
Mit dem Pfandbon in der Hand schieben wir weiter Richtung Obst und Gemüse, wo es immer so aussieht, als hätte jemand beschlossen, sämtliche Farben dieser Welt nebeneinander auszulegen, und während ich mich umschaue, bleibt Roland natürlich irgendwann bei seinen Tomaten hängen, hebt eine hoch, schaut sie an, dreht sie ein bissel, legt sie vielleicht wieder zurück und nimmt die nächste.
Ich bleib gar nicht erst daneben stehen, denn rohe Tomaten und ich, das wird in diesem Leben keine große Liebesgeschichte mehr, und während ich meinen Schatz seine Tomaten aussuchen lasse, muss ich manchmal darüber grinsen, dass ich früher tatsächlich noch geglaubt habe, ich müsste Dinge essen, nur weil andere sie essen oder weil sie angeblich gesund sind. Heute weiß ich einfach: Warum denn? Roland freut sich über seine Tomaten, ich freu mich über andere Sachen und am Ende sind wir beide glücklich.
Also schieben wir weiter, schauen hier, bleiben dort kurz stehen, laden nach und nach unseren Wagen voll und irgendwann sind wir schon mittendrin zwischen den Regalen und Angeboten, vielleicht liegen die ersten Getränke im Wagen und aus unserem „Wir brauchen heute gar nicht so viel“ ist längst wieder ein ganz normaler Großeinkauf geworden, als ich plötzlich dieses vertraute Gefühl im Bauch merke.
Nicht dramatisch, nicht gleich Weltuntergang, aber deutlich genug, dass ich weiß: Jetzt diskutier ich nicht lange herum.
„Du, ich bin gleich wieder da“, sag ich zum Roland, und während er mit dem Einkaufswagen einfach weiterzieht und in aller Ruhe weiter einkauft, geh ich rüber zum DM, denn dort gibt es eine Kundentoilette, und allein das ist für mich bis heute etwas, worüber ich mich wundern kann. Der DM ist ungefähr genauso groß wie unser Aldi, beim einen gibt's eine Toilette für Kunden, beim anderen nicht, und wenn man einen Bauch hat, der manchmal ziemlich spontan eigene Pläne entwickelt, dann merkt man erst, welchen Unterschied so etwas Kleines machen kann.
Früher wäre so ein Moment beim Einkaufen ganz anders gewesen, denn da wäre dieses „Was ist, wenn ...?“ schon viel früher mit mir durch den Laden gelaufen, hätte irgendwo zwischen Obst, Gemüse und den nächsten Regalen angefangen, mir im Nacken zu sitzen, und ich hätte wahrscheinlich längst überlegt, wie schnell ich irgendwo hinkomme, ob eine Toilette frei ist und ob ich es überhaupt noch rechtzeitig schaffe.
Heute ist das Gott sei Dank eine Ausnahme geworden, und vielleicht fällt mir genau deshalb inzwischen überhaupt auf, wie schön normal so ein Einkauf wieder sein kann, denn während früher mein Bauch im Kopf immer ein Stück mit eingekauft hat, gehört meine Morgenroutine heute genauso selbstverständlich zu meinem Tag wie meine Abendroutine und mein Joghurt, und ich merke den Unterschied nicht unbedingt morgens beim Aufstehen, sondern mitten in solchen ganz gewöhnlichen Situationen, wenn mir plötzlich auffällt: Mensch, Ursel, du bist jetzt schon eine ganze Weile unterwegs und hast überhaupt nicht über deinen Bauch nachgedacht.
Und wenn er sich dann doch einmal meldet, dann ist es eben so, denn ich weiß ja inzwischen, was ich mache, Roland ist da und schiebt den Wagen weiter, der DM ist gleich nebenan, und ich muss aus diesem einen Moment keinen ganzen Katastrophenfilm mehr machen.
Wenn ich zurückkomme, finde ich meinen Schatz irgendwo zwischen Getränken, Kühlregal oder den Angeboten wieder, schaue in den Wagen und weiß meistens schon beim ersten Blick, dass wir mal wieder deutlich mehr gefunden haben als ursprünglich geplant, und während ich noch überlege, ob wir das alles wirklich gebraucht hätten, kommt von irgendwo das Piepsen der Kassen, ein Einkaufswagen rumpelt übers Pflaster, irgendjemand sucht seinen Einkaufszettel und wir zwei schieben einfach weiter.
Und genau da steckt für mich heute etwas drin, das ich früher wahrscheinlich gar nicht verstanden hätte, denn ein guter Tag mit meinem Bauch ist für mich längst nicht mehr der Tag, an dem ich morgens aufstehe und denke: „Hurra, heute funktioniert alles“, sondern einer, an dessen Ende mir auffällt, dass ich stundenlang überhaupt nicht daran gedacht habe.
Irgendwann stehen wir an der Kasse, vor uns noch ein Wagen, hinter uns schiebt schon der nächste nach, das Band läuft, von nebenan kommt dieses typische piep, piep, piep, wir räumen unsere Sachen drauf und sortieren im Kopf schon ein bissel danach, was nachher in welche Isoliertasche gehört, und selbst wenn genau jetzt noch einmal dieser alte Gedanke auftaucht – „Was wäre eigentlich, wenn ...?“ –, hängt heute kein ganzer Katastrophenfilm mehr daran.
Dann weiß ich eben: Der DM ist drüben, Roland ist da, ich kenne meinen Körper inzwischen viel besser, und wenn mein Bauch ausgerechnet jetzt einen seiner seltenen großen Auftritte braucht, dann lösen wir das halt.
Mehr nicht.
Als wir schließlich alles bezahlt und draußen im Panda verstaut haben, die Isoliertaschen wieder ihren Platz gefunden haben, Roland den Einkaufswagen zurückgebracht hat und ich den Zündschlüssel umdrehe, röhrt mein alter Bursche wieder los, als wollte er mir noch einmal beweisen, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört, und wir fahren heim.
Irgendwann fällt's mir ein.
Das Katzenstreu.
„Ach herrje! Das Katzenstreu!“
Das wollten wir doch beim DM holen.
Und dann muss ich erst einmal lachen, denn wir haben Pfand abgegeben, Tomaten ausgesucht – also Roland, nicht ich –, Getränke eingeladen, Angebote angeschaut, den Wagen vollgemacht und den ganzen Einkauf erledigt, ich war sogar beim DM, weil mein Bauch ausnahmsweise einmal gemeint hat, er müsste sich melden, und ausgerechnet das Katzenstreu, das wir dort eigentlich noch mitnehmen wollten, hab ich doppelt und dreifach vergessen.
Früher hätte ich auf der Heimfahrt wahrscheinlich darüber nachgedacht, wie mein Bauch den Einkauf mitgemacht hat, ob alles gut gegangen ist und ob ich froh sein kann, wieder daheim zu sein, während ich heute im röhrenden Panda sitze und mich darüber ärgere, dass ich beim DM das Katzenstreu vergessen habe.
Und weißt du was?
Wenn das inzwischen wieder eines meiner größeren Probleme beim Einkaufen ist, dann kann ich damit ziemlich gut leben.
🌿 Wegweiser durchs Urselland
Wenn du gerade gemerkt hast, dass ein ganz normaler Einkauf manchmal mehr über Veränderung erzählt als jede große Erklärung, dann geh doch noch ein Stück mit mir weiter.
🚻 Wenn eine Toilette unterwegs nicht Luxus ist, sondern Sicherheit
Wenn dir nach all den Bauchgeschichten jetzt eher nach einem Schmunzeln ist, dann komm mit zu meinem kleinen schwarzen Kater. Der hat zu meinem Leben nämlich meistens auch noch eine Meinung.
Ich freu mich, wenn wir uns irgendwo im Urselland wieder begegnen.
Deine Ursel 💚


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