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Frau. Blond. Weiß nix. – Oder wer hat dir eigentlich diese Schublade gebaut?

14. Aug.
5 Min. Lesezeit

Vorhin stand ich vor meiner Monstera und musste an das alte Fensterblatt meiner Mutti denken. Meine Mutti war Floristin, und dieses Ding stand bei uns viele Jahre. Es kletterte, hatte Luftwurzeln, geschlitzte Blätter und manchmal auch einzelne Löcher darin – aber es sah eben NICHT aus wie meine heutige Monstera deliciosa.


Das zwickt mich schon lange.

Denn immer wieder kam sinngemäß die Erklärung: Wird halt eine Monstera gewesen sein, vielleicht eine andere Selektion, andere Bedingungen, weniger Licht.


Nö.


Ich wusste zwar nicht mehr, was es war. Aber ich wusste ziemlich genau, was es nicht war.


Also haben Nelly und ich gesucht. Pflanzen angeschaut, wieder verworfen, Blätter verglichen, über Luftwurzeln, Wuchs und Fenster diskutiert – und irgendwann kam eine Rhaphidophora tetrasperma auf den Bildschirm.


Und bei manchen Bildern dachte ich plötzlich:


Ja. Verdammt. Das könnte sie gewesen sein. 


Ob wir das nach all den Jahrzehnten ohne ein einziges Foto jemals hundertprozentig beweisen können? Natürlich nicht.


Aber während dieser ganzen Pflanzendetektivgeschichte musste ich plötzlich über etwas ganz anderes nachdenken.


Warum soll ich eigentlich meinem eigenen Beobachtungsvermögen nicht trauen, nur weil jemand anderes schneller mit einer Erklärung fertig ist?


Ich kenne dieses Gefühl nämlich nicht erst seit meinem Fensterblatt.



Ich bin blond.


Und irgendwann hat tatsächlich einmal jemand zu mir gesagt, warum aus mir eigentlich nicht „mehr geworden“ sei. Mir hätte doch manches leichtfallen müssen.


Schließlich sei ich blond.


Ja mei.


Ich war damals allerdings nicht das, was manche offenbar automatisch vor Augen haben, wenn sie „blonde Frau“ hören. Keine blonde Sexbarbie, die einen Raum betritt und sämtliche Köpfe drehen sich um.


Ich war ein blasses, schlankes, eher unscheinbares Mädel, das halt zufälligerweise blonde Haare hatte.


Und damit passte ich schon wieder nicht in die Schublade.


Heute bin ich 64, habe deutlich mehr Pfunde als damals – und sexy finde ich mich trotzdem. Nur anders. Ich sage immer gern, ich gehe inzwischen eher Richtung Muttergöttin. 😄


Ich mag dieses Bild für mich. Ich mag Weiblichkeit, Hüften, Busen, Rundungen. Das ist MEIN Empfinden von Schönheit und hat überhaupt nichts damit zu tun, dass eine sehr schlanke Frau weniger weiblich wäre. Manche Frauen sind nun einmal zart und schmal gebaut, andere kräftig, andere groß, klein, gerade, rund – und keine davon muss ihren Körper erst vor irgendeinem Ausschuss genehmigen lassen.


Und trotzdem passiert genau das ständig.


Wir sehen einen Menschen und glauben innerhalb weniger Sekunden schon erstaunlich viel über ihn zu wissen.


Blond? #

Schublade auf.


Größe 60?


Schublade auf.


Größe 34?


Andere Schublade auf.


Über 60?


Da findet sich bestimmt auch noch eine passende.


Und wehe, die Frau trägt dann auch noch ein Kleid voller Katzen.


Ich habe nämlich so eins. Ein Kleidl voller Katzen, und ich liebe dieses Teil heiß und innig. Es wird getragen, kommt in die Wäsche, trocknet ratzfatz und wird wieder angezogen. Wahrscheinlich glauben manche Leute inzwischen, ich hätte nur drei Kleider im Schrank.


Der Schrank weiß es besser.


Und ich auch.


Das Katzenkleid zieht übrigens Blicke an. Manche Menschen schmunzeln, und wenn ich mit meinem Kleid dafür gesorgt habe, dass jemand unterwegs einmal kurz grinst, dann hat es seinen Außendienst für diesen Tag auch schon erledigt.


Nur – bin ich damit weniger Businessfrau?


Brauche ich einen schwarzen Hosenanzug, damit ich plötzlich weiß, wie man ein Unternehmen aufbaut?


Macht ein Blazer meine Entscheidungen klüger?


Steigt meine Kompetenz proportional zur Absatzhöhe meiner Schuhe?


Ich fürchte, so einfach ist es nicht.


Und genauso wenig kann ich aus der Kleidergröße einer Frau ablesen, wie intelligent sie ist, wie belastbar, wie mutig, wie sinnlich, wie geschäftstüchtig oder was sie in ihrem Leben schon alles getragen hat.


Du darfst mich anschauen. Du darfst auch eine Meinung haben. Aber verwechsel dein Bild von mir bitte nicht mit dem Wissen darüber, wer ich bin. 


Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich an solchen Schubladen inzwischen schon lange so stört.


Nicht, dass Menschen einen ersten Eindruck haben. Den haben wir alle. Ich auch. Unser Kopf sortiert, vergleicht, erkennt Bekanntes. Das ist erst einmal menschlich.


Problematisch wird es für mich dort, wo aus diesem ersten Bild ein Urteil wird.


Wo aus „Sie ist blond“ plötzlich „Sie versteht das wahrscheinlich nicht“ wird.


Wo aus „Sie ist dick“ ein Charakterzug gemacht wird.


Wo eine ältere Frau plötzlich erklären soll, warum sie noch einmal etwas Neues anfangen möchte.


Wo eine Frau im Katzenkleid weniger professionell wirken soll als dieselbe Frau im Blazer.


Und irgendwann passiert etwas noch viel Gemeineres:


Wir übernehmen diese Stimmen selbst.


Dann braucht es gar keinen anderen Menschen mehr, der uns kleiner macht.


Wir erledigen das schon alleine.


„Dafür bin ich zu alt.“


„Mit meiner Figur kann ich das nicht tragen.“


„So kann ich doch nicht auftreten.“


„Was sollen denn die Leute denken?“


„Andere können das bestimmt besser.“


„Wer bin denn ich, dass ich glaube, ich könnte das?“


Verdammt nochmal.


Es reicht doch, wenn andere versuchen, dein Licht unter den Scheffel zu stellen. Mach du es nicht auch noch. 


Du musst nicht aussehen wie das Bild, das irgendein anderer Mensch von einer erfolgreichen Frau hat.


Du musst nicht sexy nach meiner Definition sein.


Du musst überhaupt nicht sexy sein, wenn dir das völlig wurscht ist.


Du musst keine Katzenkleider mögen – dann bleiben wenigstens mehr für mich.


Du darfst einen schwarzen Hosenanzug lieben und dich darin fühlen wie die Königin der Welt. Dann trag ihn.


Aber trag ihn, weil DU dich darin wohlfühlst.


Nicht weil irgendeine unsichtbare Jury beschlossen hat, dass eine Frau so auszusehen hat, wenn sie ernst genommen werden möchte.


Vielleicht hat mich deshalb dieses alte Fensterblatt meiner Mutti so lange nicht losgelassen.


Ich wusste nicht, wie es botanisch richtig heißt.


Ich konnte es nicht beweisen.


Aber ich wusste:


Das, was ihr mir da gerade erzählt, passt nicht zu dem, was ich gesehen habe. 


Und statt irgendwann zu sagen: „Na gut, dann werde ich mich wohl täuschen“, habe ich weitergesucht.


Nicht weil ich immer recht haben muss.


Sondern weil ich mir selbst zugestehe, meiner Wahrnehmung zu vertrauen.


Vielleicht sollten wir Frauen das überhaupt wieder ein bisschen öfter tun.


Zuhören. Anschauen. Prüfen. Lernen. Uns auch korrigieren, wenn wir danebenliegen – selbstverständlich.


Aber uns nicht automatisch für die Dümmste im Raum halten, nur weil jemand anderes seine Meinung mit mehr Überzeugung vorträgt.


Ich kann mich irren.


Du kannst dich irren.


Wir alle können uns irren.


Aber dein Äußeres ist kein Beweis dafür, dass jemand anderes automatisch mehr über dich weiß als du selbst. 


Und falls du mich demnächst irgendwo in meinem Katzenkleidl siehst und schmunzeln musst:


Nur zu.


Dann hat das Kleid seinen Dienst getan.


Aber wenn du wissen möchtest, wer die Frau darin ist, musst du schon mit ihr reden.


Die Schublade reicht dafür nicht. 


Und manchmal stecken wir uns sogar selbst in solche Schubladen – beim Essen, beim schlechten Gewissen und bei dem, was wir angeblich „dürfen“. Genau darüber habe ich hier schon einmal geschrieben:


Wenn du nur ein Gutti willst und dein Bauch daraus eine Grundsatzdiskussion macht



Und wenn du gerade nicht nur darüber nachdenkst, wer du sein darfst, sondern auch darüber, wie du künftig leben und arbeiten möchtest: Frautark 50+ ist genau aus diesem Gedanken entstanden – nicht in den nächsten fremden Deckel passen, sondern den eigenen Weg finden.



Monstera deliciosa und Rhaphidophora tetrasperma mit unterschiedlich geschlitzten Blättern als Sinnbild für vorschnelle Schubladen und falsche Zuschreibungen.

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